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Univ.-Prof. (em.) Dr. Günter Sieben †

Günther Sieben wurde im Jahre 1933 in Mainz geboren. Er studierte an der damals erst vor Kurzem wiederbegründeten Universität seiner Vaterstadt (Johannes Gutenberg-Universität Mainz) Volkswirtschaftslehre und nahm nach dem Examen und mehrjähriger Tätigkeit in der Wirtschaftsprüfung dort eine Assistententätigkeit an einem der betriebswirtschaftlichen Lehrstühle (Prof. Hans Münstermann) auf. Die Promotion zum Dr. rer. pol. an der Universität Mainz fand im Jahre 1961 statt.

Zusammen mit seinem akademischen Lehrer wechselte er Anfang der Sechziger Jahre an die Universität zu Köln, zunächst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Öffentliche Betriebe, später am Seminar für Wirtschaftsprüfung. Der betriebswirtschaftliche Fachbereich der Kölner Universität hatte damals durchaus die Rolle einer „Kaderschmiede“ für den Managementnachwuchs der Industrie an Rhein und Ruhr, zum einen aufgrund einer gewissen Monopolstellung – es gab im Umfeld kaum weitere betriebswirtschaftliche Studiengänge; die große Vermehrung erfolgte erst mit der Welle der Neugründungen im Verlauf der Siebziger Jahre –, und zum anderen wegen der langen und für die Geschichte der BWL als Wissenschaft prägenden Lehr- und Forschungstradition. Es war die anhebende Zeit der „Massenuniversität“, was hier nicht pejorativ gemeint sein soll – wohl die meisten von uns sind „Kinder“ dieser Massenuniversität – mit enormen Absolventenzahlen und entsprechender Lehrbelastung.

Nach klassischer Qualifikation durch die Habilitation wurde Sieben im Jahre 1970 zum Nachfolger auf den traditionsreichen Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfung („Treuhandseminar“) an der Universität zu Köln berufen. Schwerpunkte seines Programms in Forschung und Lehre lagen in den Bereichen Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung. Er war Autor und Mitautor zahlreicher Veröffentlichungen zu Fragen der Wirtschaftsprüfung, zum Rechnungswesen, zur Entscheidungstheorie, Unternehmensbewertung, Kosten- und Leistungsrechnung, Rundfunkökonomie, Gesundheitsökonomie, u.a. Weiterhin war er Mitherausgeber und federführender Herausgeber etlicher Fachorgane und –zeitschriften, darunter „Betriebswirtschaftliche Forschung und Praxis“ (BFuP).

 Sein besonderer Einsatz galt dem Gebiet der Unternehmensbewertung. Der Wert eines Unternehmens ist bekanntlich nicht „einfach so“ vorhanden, sondern muss insbesondere bei großen Unternehmen mit enormem methodischen Aufwand unter Anwendung von Theoriekonzepten geschätzt werden. Am Kölner Treuhandseminar ist schon in den 60er Jahren hierzu mit erheblicher Ausstrahlung Grundlagenforschung betrieben worden, an deren Fortentwicklung Sieben maßgeblich beteiligt war; man spricht von der „Kölner Schule“ der Unternehmensbewertung. Die „Kölner Schule“ geht von der subjektiven Prägung des Unternehmenswertes im Sinne des methodologischen Individualismus aus, nimmt dabei allerdings eine differenzierte Betrachtung zwischen einzelnen Bewertungsperspektiven je nach dem Bewertungsanlass und dem Bewertungszweck vor und gelangt dadurch wiederum zu einer materiell sehr bedeutsamen Differenzierung der anzuwendenden Bewertungskonzepte und  -methoden.

Zahllose Absolventen, Promovenden und Wissenschaftliche Mitarbeiter des Treuhandseminars der 70er, 80er und 90er Jahre waren und sind Einflussträger in Theorie und Praxis. Als (ehemalige) Lehrstuhlinhaber an deutschen Universitäten sind zu nennen: Manfred Jürgen Matschke (Greifswald), Thomas Schildbach (Passau), Wolf-Rüdiger Bretzke (Duisburg), Wolfgang Ossadnik (Osnabrück) sowie Ralf Dietrich (Leipzig). Seine Schüler haben Günter Sieben mit einer vielbeachteten Festschrift gewürdigt (Matschke/Schildbach (Hrsg.): Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung: Festschrift für Professor Dr. Günter Sieben zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1998).

Sieben war auch ein Mann des Transfers zwischen Wissenschaft und Praxis, durchaus ein „Wissenschaftsmanager“, mit einer großen Sensibilität für neue Entwicklungen und mit unternehmerischer Initiative. So war er maßgeblicher Initiator von Institutsgründungen an der Universität zu Köln auf den damals neuen Gebieten der Medienökonomie (1991: Gründung des „Instituts für Rundfunkökonomie an der Universität zu Köln“) und der Gesundheitsökonomie (1995: Gründung des „Instituts für Gesundheitsökonomie, Medizin und Gesellschaft an der Universität zu Köln“). Er war ein gefragter Gutachter und Funktionsträger (u.a.: Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Treuhandgesellschaft, später: KPMG).

Schon sehr frühzeitig hat er sich proaktiv für die internationale Ausrichtung der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät eingesetzt, vor allem durch seine Mitinitiative bei der Gründung und Institutionalisierung internationaler Netzwerke und Austauschprogramme. In diesem Zusammenhang war er Mitbegründer und seit 1989 Vizepräsident der "Community of European Management Schools" (CEMS), einer Vereinigung von damals fünfzehn führenden europäischen Hochschulen und namhaften multinationalen Unternehmen. Das CEMS-Programm ist heute wesentliches Markenzeichen der internationalen Ausrichtung der WiSo-Fakultät. Das Bundesbildungsministerium und die Universität zu Köln haben seinen Einsatz durch hohe Auszeichnungen gewürdigt, darunter die Verleihung der Universitätsmedaille im Jahre 2003.

Günter Sieben ist am 24. August 2018 in Köln verstorben.